Andreas Felger, ohne Titel, 2012
Öl auf Leinwand, 200 x 400 cm © AFKS
OHNE TITEL
2012
ÖL AUF LEINWAND
200 x 400 cm

 

Nicht nur das Werk, auch der Kontext macht die Kunst. Der persönliche Kontext, der historische, der räumliche, der thematische … es ließen sich viele weitere anfügen. Hier soll daher nicht nur von einem Werk, sondern auch von einem Raum, einer Bild-Installation und einer persönlichen Wahrnehmung die Rede sein.

Im Jahr 2017 fanden in Baden-Baden Präsentationen von Andreas Felgers Werken in zwei Kirchen gleichzeitig statt. In der Stadtkirche wurde der weitgereiste „Credo“-Zyklus gezeigt und in der St. Josefskirche Lichtental hing ein einziges Ölgemälde: „Ohne Titel“, 2 x 4 m. „Hängen“ ist das richtige Wort, denn es hing frei im Raum, nach meiner Erinnerung an sehr dünnen und daher kaum sichtbaren Drahtseilen, die von der Decke gespannt waren. Das Bild ist zweiteilig, es ließ sich also für den Transport demontieren und für die Hängung mussten die Hälften verschraubt werden. Auf wackligen Leitern in sehr luftiger Höhe haben Mitarbeiter der Kirche und der Stiftung (zu denen ich gehörte), das kapitale, schwer dirigierbare Bild hochgezogen und ins Lot gebracht – verfolgt von dem Unbehagen, die mehrere Stunden währende Aktion könnte im letzten Moment noch scheitern!

Schließlich war es ‚vollbracht‘, die Leitern und Werkzeuge waren weggeräumt, und das, was eben noch materiell schwer wog, äußerte sich in erhebender Weise ätherisch: Das Schweben des Bildes erzeugte den Eindruck von Schwerelosigkeit, seine Größe korrespondierte mit der Weite des Kirchenraums, seine aus der Bildtiefe strahlenden Farben fanden ihr Echo in den farbigen Glasfenstern des Gebäudes und die eigentümliche kompositorische Form im Zentrum des Bilds wirkte dynamisch, so als sei sie auf dem Bildgrund nicht fest verankert. Es ist keine Herzform, aber für mich hat sie doch die Qualität eines Organs, das auf meinen Körper als lebenden Organismus bezogen ist. Diese Konstellation, die Thematisierung des (eigenen) Körpers, das im Raum freigestellte Bild und das Gebäude, dessen Lichtdurchlässigkeit und Farben antworteten – war außergewöhnlich und hat auch für einen Agnostiker in der Kirche einen transzendierenden Moment geschaffen.

von Marvin Altner

Marvin Altner ist promovierter Kunsthistoriker und Dozent für Kunstwissenschaft an der Universität Kassel. Nach einem Volontariat an der Hamburger Kunsthalle in Hamburg war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator an Berliner und Hamburger Museen sowie als freischaffender Autor im Bereich der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart tätig. Seit 2012 lehrt er an der Kunsthochschule Kassel im Studiengang Kunstwissenschaft und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Andreas Felger Kulturstiftung, unter anderem als Autor, Ausstellungskoordinator und Betreuer der Datenbank der Werke von Andreas Felger.